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» Andreas Roloff (2004)


Andreas Roloff
Zahnarzt

Er hat bei uns vom 3. Januar bis 27. Februar 2004 mitgearbeitet und danken recht herzlich.

Die Ankunft – erste Eindrücke

Nach langer Vorbereitung geht es endlich los. Zuerst nach Quito und am nächsten Morgen mit einer kleinen Propellermaschine für max. 18 Personen eine Stunde nach Süden zum Flugplatz von Catamayo (bei Loja). Von dort führt der Weg mit dem Jeep nach Guadalupe durch verschiedene Vegetationszonen. Nach einiger Zeit wandelt sich das etwas karge Hochland in ein üppiges Grün, durchsetzt mit tropischen Pflanzen unter riesigen Bäumen und mittendrin wilde blühende Orchideen. Zwischendurch kleine Holzhütten am Straßenrand umgeben von etlichen Bananenbäumen. 

Kleine Kinder, die schwarzen langen Haare traditionell zum Zopf geflochten, laufen in Gummistiefeln und mit riesigen Macheten in der Hand, vor uns auf dem Weg. Der eine oder andere zieht eine Kuh hinter sich her. Hupend begegnet uns ein großer LKW voll beladen mit frisch geernteten Bananenstauden. Plötzlich rennen zwei aufgescheuchte Hühner vor dem Jeep über die Sandstrasse und im nächsten Ort liefern sich einige wilde Straßenhunde laut bellend ein Wettrennen mit uns. Zwischendurch immer wieder traumhafte Natur und Ruhe.

Ca. vier Stunden nach Ankunft am Flughafen von Catamayo, zeigt sich endlich das von der Homepage bekannte Bild. Im hellen Sonnenlicht strahlen der weiße Kirchturm und die Gebäude des Konvents auf der anderen Seite des Flusses, der sich durch das Yacuambi-Tal schlängelt.

 

Guadalupe
(zur Gemeinde gehören auch etliche kleine Dörfer der Umgebung)

Nach der Ankunft im Dorf, führt der Weg über eine Hängebrücke zum Missionsgelände, wo mich Padre Georg  Nigsch erst einmal mit den regionalen Gegebenheiten vertraut macht. Essen gibt es dann pünktlich drei mal täglich im Konvent bei den Nonnen. Die Zutaten stammen zum Teil aus dem Anbau der Pflanzen auf dem Konventgelände, wie z.B. von verschiedenen Bananen und Yukawurzeln. 

Das Leben zusammen mit den Nonnen ist ein anderes, als ich es kannte. Es ist eine offene, herzliche Gemeinschaft, in der viel gelacht wird und die Nonnen hin und wieder mit uns Freiwilligen Basketball auf dem Dorfplatz spielen. Es gibt aber auch Regeln, an denen man sich im Sinne der Gemeinschaft orientieren sollte. 

Das alltägliche Leben der Bevölkerung ist fast untrennbar mit dem katholischen Glauben verbunden. So ist beispielsweise die Taufe eines Kindes Anlass, ein Fest zu veranstalten, bei dem sämtliche Nachbarn eingeladen sind, auf dem Dorfplatz Musik gemacht wird und gemeinsam gegessen wird. Fast täglich gehen die Nonnen in die nahegelegenen Dörfer, suchen das Gespräch mit der Bevölkerung und haben ein offenes Ohr für die Probleme des Alltags.



 

Die Missionsklinik

Ein normales Wohnhaus in einem der umliegenden Dörfer. Hier im Bild einige Bewohner des Hauses, sowie die Krankenschwestern (v.l. Arabella, Amanda, Claudia) der Missionsklinik, mit denen ich auf dem Weg durch die Dörfer war.



Die Klinik morgens um 7.30 Uhr – eine halbe Stunde vor Öffnung. Zu dieser Zeit arbeiteten eine Allgemeinärztin, ein Augenarzt und zwei Zahnärzte dort. Einige der Patienten warten bereits seit Mitternacht oder sogar dem Abend des Vortages, um in der Frühe bei Kliniköffnung auch mit Sicherheit noch an die Reihe zu kommen.

Die zahnmedizinische Arbeit in der Missionsklinik

Es stehen zwei Behandlungsräume zur Verfügung, die mit amerikanischen Einheiten, deutschen Instrumenten und Medikamenten ausgestattet sind. Somit ist es möglich, dieselbe hohe Qualität der Behandlung zu gewährleisten, wie sie auch in Deutschland Standard ist.

Das Alter der Patienten liegt zwischen 2 und 60 Jahren. Wobei eigentlich fast immer zutreffend ist, dass sie viel zu spät kommen. In vielen Fällen bleibt nur noch die Extraktion der total zerstörten Zähne und Wurzelreste als einzige Therapie. 

Die Kinderbehandlung steht weit im Vordergrund und macht einen Großteil der Patienten aus - vor allem, wenn eine Mutter gleich mit allen 8 Kindern auf einmal zur Behandlung kommt. Milchzahnabszesse sind an der Tagesordnung, ebenso finden sich auch vestibulär herauseiternde Wurzelspitzen von vollständig zerstörten Milchfrontzähnen. Aber auch die Sechsjahrmolaren sind bei vielen Kindern bereits so zerstört, dass sie nur noch mit Lindemannfräse und Hebel nach Separation der Wurzeln erreichbar sind. 



Bei der täglichen Kinderbehandlung, die hier einen großen Stellenwert einnimmt.

Des weiteren besteht die tägliche Arbeit aus Legen von Amalgamfüllungen (hier Standard im Seitenzahnbereich), wobei auch die künstlerische Ader gefragt ist, wenn es daran geht, ganze Teilkronen aus Amalgam zu schnitzen. Weiterhin sind Restaurationen von Frontzähnen mit Komposit ein ganz bedeutender Teil der Arbeit. Das heißt jedoch, Rekonstruktionen in Form von Veneers oder sogar ganzen Frontzahnkronen aus Komposit anzufertigen. Oftmals vor Füllungstherapie notwendige Wurzelkanalbehandlungen beschränken sich lediglich auf die Frontzähne. 

Für alle diese Behandlungen muss jeder Patient einen symbolischen Preis bezahlen. So kostet beispielsweise eine Amalgamfüllung ebenso wie eine Extraktion je 2,-$. Jedoch gibt es auch einige Patienten, die nicht in der Lage sind, diese paar Dollar für die notwendigste Behandlung aufzubringen. Es obliegt dann jedem Behandler selbst, Ausnahmen zu bestimmen und bei den Armen der Armen vorher einen Preis auszumachen und in der Folge den Nachbarzahn gleich mitzubehandeln, ohne zu sagen, dass dies jetzt eigentlich noch ein paar Dollar mehr gekostet hätte.

 

Zahnärztliche Prophylaxe

Eine wichtige Aufgabe stellt die gesundheitliche Aufklärung in diesem Teil Ecuadors dar. Aufgrund der jedoch hohen Analphabetenrate und des geringen Bildungsstandes auf dem Land, ist es schwer oder zum Teil unmöglich, den Patienten etwas über Zahnpflege zu erzählen, wenn sie teilweise nicht einmal ausreichend zu Essen haben. Da zum großen Teil auch die Erwachsenen keine Ahnung von oraler Hygiene haben und oftmals keine Zahnbürste oder maximal eine Familienzahnbürste besitzen, kann man nicht erwarten, dass es bei den Kindern besser aussieht. 

Daraufhin bin ich mit  Paula Murray, meiner irländischen Kollegin, mehrfach in die Unterrichtsklassen (8-14 Jährige) der Schule im Dorf gegangen. Mit viel Engagement hatte Paula große Bilder von lachenden und weinenden Zähnen gezeichnet. Die Kinder waren begeistert und verstanden nach kurzen Ausführungen von uns, wie man ganz einfach verhindern konnte, dass aus dem "lachenden" schmerzfreien Zahn ein "weinender" Zahn mit Loch wird.

Thanks Paula, I could never have painted this so beautyfully!!!

Zum Abschluss unserer Stunde in der Schule, machten wir ein Spiel mit der Klasse, wobei zwei Gruppen gegeneinander antraten. Ziel war es, das gerade Gelernte im Wettstreit mit den anderen zu vertiefen. Als Belohnung durfte aus jeder Gruppe je einer zur kostenlosen Zahnuntersuchung zu uns in die Klinik kommen.

Sowohl den Kindern als auch Paula und mir, hat die Arbeit in der Schule viel Freude bereitet. Wenn man auch nie alle damit erreichen kann, so ist es sicherlich ein Anfang und ein Schritt in die richtige Richtung. Hoffentlich werden uns nachfolgende Zahnärzte diese Arbeit weiterführen. Dies würde ich mir im Sinne dieser kleinen, aufgeweckten und interessierten Kinder dort sehr wünschen. 



Gesundheitsaufklärung in der Dorfschule von Guadalupe: Hier erkläre ich gerade anhand eines vormals extrahierten kariösen Zahnes, wie ein "Loch" im Zahn aussieht, wie es entsteht und wie man es verhindern kann.

Meine Arbeit von 8 Wochen in Zahlen

454 Füllungen

177 Extraktionen (hauptsächlich 6er und 7er, aber auch einige Reihenextraktionen)

24 OPs (meist Osteotomien)

35 Wurzelkanalbehandlungen

3 Patienten mit Traumaschädigung

 

Persönliche und allgemeine Worte

An dieser Stelle sei allen, die während meiner Zeit dort gearbeitet haben, gedankt. Wir waren ein großartiges Team. Es hat mir sehr viel Spaß gemacht, mit Euch zusammenzuarbeiten. Speziell sei hier der  Augenarzt Dr. Hans Ulrich Frank und seine  OP-Schwester Hannelore Münch erwähnt, die mir einen unglaublich interessanten Einblick in die intraokulare Operationsmethodik bei Katarakterkrankten geboten haben.

Der  Zahnarzt Dr. Eberhard Pierro stand mir in komplizierten Situationen mit Rat und Tat zur Seite, wobei ich einiges von ihm gelernt habe.

Thanks  Claudia,  Arabella,  Beena and  Paula for cooking tortillas with avocado- and garlicsauce as well as these delicious cinnamon-rolls the way we have learned from the californian ladies Elise and Janice.

Thanks  Amanda for working in general medicine as well as in the pharmacy and also in our dental treatment rooms, when I needed a third person. I will never forget your voice infront of my window, when you were helping people find the right line an place. 

Die Gemeinde von Guadalupe und alle Mitarbeiter der Missionsklinik, haben in  Padre Georg  Nigsch  einen unglaublich engagierten, hilfsbereiten und jederzeit für konstruktive Vorschläge offenen Verantwortlichen gefunden. Ohne seinen Einsatz für die Klinik, würde es vielen Menschen im Yacuambi-Tal schlechter gehen. Für den erfolgreichen Fortbestand und die weitere Entwicklung der Klinik wünsche ich ihm die erforderliche Kraft und viele engagierte Freiwillige.

 

Für Interessierte:

Die offizielle Sprache ist Spanisch. Das heißt, dass ohne Spanischkenntnisse dort nichts funktioniert. In der Klinik sprechen wir den ganzen Tag Spanisch, sowohl mit den Patienten als auch mit den Krankenschwestern. Wer sich also inspiriert fühlt, hier arbeiten zu wollen, sollte sich vorher etwas mit dem Spanischen auseinandersetzen. Mit wachsenden Sprachkenntnissen, wird die Unterhaltung mit den Patienten und Einheimischen auch viel interessanter und man beginnt mehr vom dortigen Leben zu verstehen.

Für interessierte Kieferorthopäden:

Es besteht unglaublicher Handlungsbedarf! Am häufigsten trifft man auf die Folgen von frühzeitigem Milchzahnverlust, die aber solche Ausmaße annehmen, dass man kaum noch von Engstand sondern eher von Platzmangel reden muss. 

Es finden sich regelmäßig obere Eckzähne mit Außen-& Hochstand bei vollständigem Approximalkontakt zwischen 2er und 4er. Ebenfalls finden sich untere 5er, die bei geschlossener Zahnreihe mit Approximalkontakt zwischen 4er und 6er, lingual Richtung Mundboden durchbrechen.

Des weiteren fand ich bei meinen Patienten zwei zirkulär offene Bisse, einige Fälle der Angle Klasse III, selten jedoch Patienten der Angle Klasse II/1.

Deckbisse sieht man regelmäßig. Zum Teil gehören sie der Angle Klasse II/2 an. Es gibt aber auch einige Deckbisse mit Neutralverzahnung.

Interessierten Kieferorthopäden empfehle ich, sich mit dem Vorsitzenden des  Fördervereins, Dr. Eberhard Pierro, in Verbindung zu setzen, der in Deutschland der Ansprechpartner für alle Freiwilligen ist. Er kann Fragen zu Organisation und Material beantworten.

 

Danksagung:

An dieser Stelle sei den nachfolgend aufgeführten Dentalfirmen gedankt, die meine Arbeit in der Missionsklinik in Form von Sachspenden hilfreich unterstützt haben:

AVENTIS; 3M ESPE; KOMET; HERAEUS KULZER; DENTAL KOSMETIK DRESDEN; DÜRR DENTAL; COLTENE WHALEDENT

 

Zahnarzt Andreas Roloff

Sprengelstraße 6
 D-13353 Berlin
 Deutschland - Alemania
Tel.: ++49 (0) 30-27594357
 E-mail: andreas_roloff@web.de


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