Nadja Hertenstein (Langfassung) - FCSM-WEB-Seite

Direkt zum Seiteninhalt

Nadja Hertenstein (Langfassung)

Erfahrungsberichte > Archiv
Huancarani, 06. Januar - 13. Februar 2026
Steckbrief / Wer bin ich:
Ich bin 42 Jahre alt, habe 2012 approbiert, in Gießen studiert und bis 2017 in Vollzeit in drei allgemeinzahnärztlichen Praxen gearbeitet. Im Anschluss habe ich ab Ende 2017 viel Zeit im Ausland in einem Projekt in Myanmar verbracht; und noch weitere Projekte besucht. Nach dem Ausbruch von Corona habe ich 1,5 Jahre Schwangerschaftsvertretung in einer oralchirurgischen Praxis gemacht, ab 2021 wieder als Allgemein-ZÄ.

Kurz und Knapp:
Hier in Huancarani gibt es ein super Projekt! Ganzjährig geöffnet, nachhaltig für die Bevölkerung, Behandlungsmöglichkeiten ähnlich wie in Deutschland! Tolle Unterkunft, WG-artiges Feeling in einer Wohnung mit großen Zimmern, günstige Freizeitmöglichkeiten an den Wochenenden, viele Patienten und viel Arbeit – wirklich auf hohem Niveau. Eine ganz tolle Möglichkeit als ZA/ZÄ mit Berufserfahrung ein „Working Holiday“ zu machen. Da ich nicht nochmal 2 Monate frei haben werde weiss ich noch nicht, ob ich wiederkommen kann; hätte ich aber die Möglichkeit auf unbezahlten Urlaub, so würde ich das auf jeden Fall tun!!! Auch zwischen 2 Jobs kann man hier super ein paar Monate verbringen und Arbeiten und Reisen verbinden.
Betreuung, Reiseplanung, Anreise
Die Betreuung durch Ekkehard (diverse E-Mails, Telefonate, ein persönliches Treffen am Bodensee) war für mich perfekt! Das angekündigte Materialpaket von Herbert kam pünktlich und mit einer sehr freundlichen E-Mail und beiliegendem Certificado.
Die Flugbuchung gestaltete sich anfangs kniffelig, bis ich mich für den Abflughafen Zürich entschied. Aer Europa fliegt hier direkt nach Santa Cruz (über Madrid). Bei Ankunft 06:00 Uhr früh in Santa Cruz hat es locker gelangt, dass mein Weiterflug nach CBBA (Cochabamba) um 10:45 ging – den Flug muss man extra dazu buchen, direkt durchchecken geht nicht.
Einziger Nachteil dadurch: Man muss sein Gepäck nach der Landung in Santa Cruz abholen, dann für den Inlandsflug nach CBBA erneut aufgeben… falls es eine Schlange am Flughafen gibt: Lauft bis zum Ende durch, die Leute stehen für die internationalen Flüge an – ich bin 200 Meter ans Ende der Schlange gelaufen und für die Inlandsflüge stand niemand an, ich konnte direkt mein Gepäck wieder aufgeben. Die Security war viel zu schnell, das kannte ich aus Europa und Asien nicht… so dass ich dann im Gate Bereich 2 Stunden Zeit hatte, mich umzuziehen, mir die Beine zu vertreten und das gemütliche Arbeiten am Flughafen zu beobachten. Die Kombi aus Zürich und Santa Cruz: Super Entspannt!
Die Zeit am Flughafen hat gereicht um eine ENTEL sim Karte zu kaufen (18 €  für 30 Tage inkl. unlimitierte Daten, die ich mit Euros bezahlen konnte). Ich kann diese Version absolut empfehlen!
Das Arbeiten vor Ort/Die Praxis
Das Projekt wird gut vorgestellt, man weiss, was man vor Ort erwarten kann, dank zahlreicher Videos auf youtube (danke den Voluntarios, die diese gedreht haben!). Die Ausstattung des Projekts erscheint aus dem fernen Deutschland großartig! Gut durchdacht und vor allem sauber, hygienisch und sicher. Die Turbinen haben alle ihre eigenen Charaktere, wie beschrieben. Am besten verwendet man jeden Tag eine andere und schaut dann, mit welcher man am besten klarkommt. Es gibt kein rotes Winkelstück  Für mich kein Problem, da ich noch mit Turbine gelernt habe. Wer sich hier nicht auskennt, der sollte vorher mal etwas darüber lesen.
Die Patienten kommen in der Regel zahlreich, und man kann Henry auch vor der Behandlung beim Verräumen der Instrumente vom Vortag helfen, damit er sich auf die Aufnahme der Patienten kümmern kann. Um 8:30 geht die Behandlung los, ich bin oft schon etwas früher runter gegangen und allgemein finde ich, sollten wir alle Henry etwas mehr unterstützen und ihm mit Steri und Aufräumen mehr helfen. Schließlich beginnt nun seine Abendschule als Zahntechniker. Jeder sollte sich vor dem Projekt mal durchlesen, was ein Sterilisationsprozess ist, oder es sich in der Praxis von den eigenen ZFAs mal zeigen lassen, die freuen sich bestimmt sehr, wenn man sie um Rat fragt . Ich habe viel aufgeräumt in der Praxis und würde mir wünschen, dass auch zukünftige Voluntarios sich mit den Schubladen vertraut machen und die Instrumente selber verräumen; und das nicht Henry überlassen. Vor allem in den zwei Endo-Wägen haben wir Ordnung gemacht – aber hier ist definitiv noch Raum nach oben!
Die Patienten sind in der Regel freundlich, geduldig, dankbar, sehr herzlich! Man findet hier alles: vom komplett zerstörten Milchgebiss über die perfekt gepflegte ältere Dame, oder den Opi mit extremem Abrasionsgebiss. Chirurgie, Kons, Endo – alles kann, nichts muss. Die Patienten haben selten Erwartungen und da es bei fast jedem mehrere Sachen zu tun gibt, kann jeder sich auf das konzentrieren, was er/sie am besten kann . Oder man kann zusammen behandeln und voneinander lernen. Ich hatte das Glück, mit Richard (Jung-ZA), Emma (frisch approbierter ZÄ mit super spanisch Kenntnissen), Svenja (eig. ZT, aber aktuell am ZM studieren – Huancarani-Wiederkehrerin) und am Ende kurz noch Ralf (ZA, Huancarani-Veteran) zusammen zu arbeiten und zu wohnen.
Endo+Röntgen
Man kann hier Reciproc aufbereiten! Bei den häufig sehr tiefen kariösen Läsionen ein Gewinn!!! Ich würde hier jedem nahe legen, vor der ersten Endo selber alles zu richten und durchzugehen.
Das Röntgen funktioniert super! Auch hier ist wichtig, dass man einmal eingeführt wird und sich dann damit vertraut macht. Ich war sehr froh, dass wir hier diese Möglichkeit hatten! Es ist toll zu wissen, ob die Karies schon in der Pulpa ist und man sich besser direkt auf eine Endo vorbereitet – auch gibt es hier doch öfter mal Zähne, die bereits wurzelkanalbehandelt sind (die Patienten wissen das aber nicht mehr) … Auch zum OPG anfertigen haben wir die Patienten ggf. vor geplanten Extraktionen mehrerer Zähne weggeschickt, um unschöne Überraschungen zu vermeiden. Die OPGs aus anderen Praxen kosten round about 60-80 Bob und hatten richtig gute Qualität! Gut zu wissen, ob dir Wurzeln vom 8er der im Mund easy aussieht dann doch um den Nerv gewickelt sind – auch für die Patienten .
Das Behandlungskonzept
Im Prinzip kann man sein Behandlungskonzept hier so machen wie in Deutschland; allerdings sollte der Putzunterweisung wenn möglich etwas mehr Zeit eingeräumt werden. Wir haben einige tolle Füllungen und Endos gesehen, die leider nach kurzer Zeit wieder kariös waren, da die Ursache (das nicht-putzen-können) nicht beseitigt worden war. Gerade bei den Schulbesuchen haben wir gemerkt, dass die Fähigkeiten im Zähneputzen bei einigen Kindern kaum vorhanden sind. Die schönste Füllung bringt nichts, wenn das Kind nicht weiss, welche Seite der Zahnbürste man auf die Zähne drücken soll… Kein Spaß! - Das ist ernst gemeint! Wir hatten einige Kinder, die unter „Zähne putzen“ verstanden haben, dass man mit der Rückseite der Bürste (nicht mit den Borsten) auf den Prämolaren trommelt.
Mein Konzept bei Kindern war daher in mehreren Besuchen: Zuerst IPs mit Anfärben und selber Putzen/Motorik-Check, dann Überprüfung und IP5 der kariesfreien (4er/5er)6er/7er, dann erweiterte IP5, dann kleine Füllungen mit Anästhesie, ggf. auch große, und am Schluss erst die Extraktion bleibender Zähne falls unbedingt nötig. Wir haben einige Kinder gesehen, denen leider zuerst der 6er extrahiert wurde, die dann aus Trauma jahrelang nicht kamen, und nun waren alle 6er (und oft auch 7er) kaputt. Hier ist aber zahnärztlicher Austausch sicherlich sinnvoll, und ich freue mich schon, bei einem Huancarani-Treffen dabei sein zu können. Wessen Kernkompetenz die Chirurgie ist, der fährt sicher mit schonender und atraumatischer Extraktion auch sehr gut.
Bei den Erwachsenen muss man sich natürlich ein bisschen an deren Bedürfnisse anpassen, aber bei guter Aufklärung hat kaum jemand eine Limpieza (PZR) vor der Extraktion oder Füllung abgelehnt.
Da man zwei Zimmer zur Verfügung hat, läuft die Behandlung mit flotter Assistenz recht zügig, auch die Dokumentation im PC ist super, damit man einen Überblick über die vergangenen Behandlungen bei Stammpatienten hat. Das sind in diesem Projekt viele! Durchlesen hilft! Oft kommen die Patienten mehrmals und fragen, ob man am 36 nicht eine Füllung machen kann… wenn man hier sieht, dass bereits 3 Kollegen gesagt haben dafür muss der Patienten zur Molaren-Endo woanders hingehen… dann hilft das.
Die Verständigung
Ich empfehle generell: macht vorher einen Spanischkurs! Zum Beispiel in der wunderschönen Stadt Sucre hier in Bolivien. Theoretisch geht es auch ohne, aber ich persönlich finde, dass man aus dem Erlebnis Bolivien viel mehr machen kann, wenn man die Leute versteht und sich mit ihnen unterhalten kann. Es empfiehlt sich vor allem, privaten Unterricht zu nehmen und das zahnärztliche Vokabular zu üben  Den Subjunctivo braucht man hier eher nicht. Auch Thika und Ronald bieten vor Ort Spanischunterricht an, sie sind allerdings nicht immer verfügbar und man sollte frühzeitig anfragen.
Die Unterkunft
Fünf großzügige Zimmer, 2 kleine Bäder mit Dusche, Klo und Waschbecken, ein Wohnzimmer vorne mit Bücherschrank, ein Wintergarten mit Esstisch hinten… was will man mehr? Das Internet funktioniert in der Regel tadellos; wir hatten in der Regenzeit bei Dauerregen auch mal Ausfall, aber das ist halt so. Waschmaschine ist unten im Consultario (einfach heißes Wasser aus dem Wasserkocher dazu kippen, wenn man warm waschen will, danke Svenja). Man kann sich hier also super ausbreiten, entspannen, sein Zeug stehen lassen und mit Handgepäck auf Wochenend-Trips gehen. Eine so tolle Unterkunft habe ich noch in keinem Projekt erlebt, und sie ist umsonst, man wird von Dona Adela bekocht…. Herrlich. Einen Abendspaziergang nach Sipe Sipe kann man nach dem Praxistag noch gut vor oder nach dem Essen machen, um ein bisschen Bewegung zu bekommen. Wer gern joggt, der kann es machen wie die Bolivianer und die Strecke der kleinen Straßenbahn entlang flitzen – aber nicht mit lauter Musik  Denn wenn das Bähnle kommt (2 Fahrten in der Stunde), dann muss man kurz runter von der Strecke hopsen.

Unternehmungen
Wochenendtouren sind aufgrund der langen Anfahrtswege die Reisemethode der Wahl. Am günstigsten kauft man die Bustickets dafür vor Ort in Cochabamba am Busbahnhof. Man kann mit der kleinen Straßenbahn hier unten (MiTren Estacion Huancarani) innerhalb von 1:15h an die Endstation fahren. Sehr gemütlich und modern, kostet 6 Bolivianos. Von dort läuft man über einen bunten und wuseligen Markt dann 400 Meter zum Busbahnhof. Wer auf Nummer sicher gehen will, der kauft die Tickets am Tag vorher. Online kosten sie in etwas das 5-fache. Zurück nach Huancarani muss man dann mit dem Trufi fahren, die MiTren startet ab 05:55 Uhr und die letzte Fahrt geht aktuell um 19:23 Uhr. Für den Fahrplan frage man Facebook, Insta oder ChatGPT.
Nadja Hertenstein
Zurück zum Seiteninhalt