Erfahrungsbericht
Aufenthalt April 2008
In den letzten Jahren kam ich mir in meinem zahnärztlichen Alltag immer mehr wie ein Hamster im Laufrad vor. Der Fakt, dass der Zahnarzt immer stärker zum Verkäufer degradiert wird, der Honorarverteilungsmaßstab und die zunehmende Bürokratie drängen uns Zahnärzte immer mehr in eine Richtung, welche ich als belastend und erdrückend empfinde. Seit langem hatte ich so den Wunsch, armen Patienten zu helfen - einmal nur für ein Dankeschön oder ein Lächeln. Der Kontakt zum Förderkreis Clinica Santa Maria e.V. bot mir diese Möglichkeit. Über die Internetseiten des FCSM wurde ich äußerst umfangreich auf die Arbeitsbedingungen, die Richtlinien und das Umfeld für meinen Einsatz in Guadalupe vorbereitet. Pater Georg half bei der Organisation der Inlandreise. Meine Arbeitskollegen meldeten vor meinem Reisebeginn Bedenken in Punkto Inlandreise an, da ich mich allein auf den Weg nach Guadalupe begab. Jedoch schon auf meiner Hinfahrt spürte ich, dass man keine Bedenken diesbezüglich haben musste. Ecuador ist ein noch relativ ruhiges Land mit freundlichen und hilfsbereiten Menschen.
Nach meiner Ankunft war ich begeistert von der Anlage und der Ausstattung der Mission und der herrlichen Lage im Yacuambital. Was dort mitten im Regenwald unter Leitung von Pater Georg entstand, kann man nur als Schmuckstück bezeichnen. Am Tag nach meiner Ankunft ging es nach kurzer Einweisung durch meine Vorgängerinnen gleich an die Arbeit. Schnell fand ich mich in den sehr gut ausgestatteten Behandlungszimmern zurecht. Obwohl mir ans Herz gelegt wurde, sämtliche Arbeitsschutzmittel selbst mitzubringen, war auch dies umfassend vorhanden.
Amanda und Rita organisierten hervorragend die Anmeldung, die Patientenaufnahme und -verteilung, so dass ich mich nur auf meine Arbeit am Patienten konzentrieren konnte. Lida, meine einheimische Helferin, war bereits routiniert im Umgang mit deutschen Zahnärzten. Trotz meines spanisch-englischen Sprachmixes haben wir uns wunderbar verstanden, manchmal sogar schon per Augenzwinkern. Sie war auch sehr wissbegierig, die englische Sprache zu erlernen und bot sich an, am Abend die Kenntnisse bei sich daheim zu trainieren. Mit ihrer Hilfe lernte ich schnell fehlendes Vokabular im Umgang mit den Patienten. Die Arbeit verlief trotz oftmals großem Patientenansturmes fließend und ruhig. Sie wurde von angenehmer Saraguromusik im Hintergrund begleitet - auf welche Lida stets großen Wert legte. Wir hatten bei unserer gemeinsamen Arbeit viel Freude und Spaß. Das Lächeln zufriedener Patienten motivierte mich. Erschreckend war die Zahl großer Defekte gerade im Oberkieferfrontzahngebiet vor allem bei noch jungen Patienten. Hier ist ein enger Zusammenhang zu den Ernährungsgewohnheiten zu erkennen. Ich behandelte auch eine große Anzahl kleinster Patienten(3-4 Jahre) mit nicht erhaltungsfähigen Milchmolaren. Die Milchzahnextraktionen waren hier oft die einzige Behandlungsmöglichkeit in vielen Fällen. Meine Erfahrungen in der kinderstomatologischen Ausbildung kamen mir da sehr gut zu Hilfe. Die Schnelligkeit bei der Injektion und dem sicheren Extrahieren in einem Zuge war gefragt.
Erstaunt war ich über die große Zahl der Patienten, die sich bei saniertem Gebiss auch ausschließlich zur Zahnreinigung vorstellten. Das hätte ich in dieser Region nicht erwartet. Die Patienten waren für eine gute Prophylaxeaufklärung sehr dankbar. Leider war es mir aufgrund meiner lückenhaften Spanischkenntnisse nicht immer möglich, die Hinweise umfassend darzulegen. Ich glaube, diese Arbeit wäre noch ausbaufähig evtl. mit einheimischen Helferinnen.
In einigen Fällen musste ich Abstand von der Richtlinie nehmen, die Wurzelfüllung in einer Sitzung durchzuführen. Leicht infizierte Frontzähne, welche ich noch als erhaltungsfähig einstufte, versorgte ich mit einer temporären Calxyleinlage vor der Wurzelfüllung. Der Patient wurde gut informiert und zum Wiederkommen angeregt. In den meisten Fällen funktionierte es sehr gut.
Ich hatte das Glück mit Mila, einer jungen Zahntechnikerin, zusammen zu arbeiten. So konnten wir einige Prothesen fertigen. Die Placas wurden mit korrekter Klammerabstützung gefertigt. Oft erlebte ich jedoch schon bei der Kontrolle, dass die Patienten sich diese Halteelemente (evtl. aus ästhetischen Aspekten) selbst entfernten und mit hoher Balancekunst diese trugen. Bei der Fertigung des Zahnersatzes hatte Mila Probleme mit der Qualität des Gipses und ich selbst mit dem Material für Quetschbissregistrate. Vielleicht können diese vorhandenen Materialien bei der nächsten Materialbestellung noch einmal überdacht werden. Die Zahl der Extraktionen bei den Patienten war relativ hoch. Hierfür möchte ich noch anmerken, dass vielleicht auch Injektionsmittel ohne Adrenalinzugabe (bzw. für Patienten mit Glaukom) bereitgestellt werden. Diese Präparate fehlten mir leider bei der Behandlung.
Das Patientengut bot mir auch die Möglichkeit, viele interessante Gebissanomalien zu diagnostizieren. Leider stellte ich auch einen sehr ausgeprägten Zungenrandtumor fest. So ein ausgeprägtes Erkrankungsbild sah ich das letzte Mal im Studium. Gemeinsam mit Dan, dem z.Z. praktizierenden Allgemeinmediziner aus den USA, versuchten wir diesen mittellosen Patienten in eine entsprechende kieferchirurgische Weiterbehandlung zu übergeben.
Trotz der regelmäßigen umfangreichen Arbeit fühlte ich mich wie im Urlaub. Der morgendliche Kaffeegenuss auf unserer Terrasse mit dem herrlichen Ausblick auf den Regenwald war sehr angenehm. Nach Arbeitsschluss lud das Yacuambital zu weiten Spaziergängen ein. Den Abend konnte man unter einem interessanten Sternenhimmel auklingen lassen. In Guadalupe lernte ich neben Mila auch Felix und Florian, zwei Film- und Medienstudenten, kennen. Sie arbeiteten an einem Filmprojekt über die Arbeit internationaler Ärzte und Zahnärzte in der Clinica sowie über das Umfeld und die Menschen in Guadalupe. Einen Vorgeschmack auf den noch nicht kompletten Film boten sie mir an meinem Abschiedsabend. Ich fand ihn sehr gelungen und glaube, er wird neue Kollegen zur Teilnahme an diesem Projekt stimmulieren. Schaut ihn euch unbedingt an!!!
Gemeinsam mit diesen jungen Studenten verbrachte ich einen Teil meiner Freizeit z.B. bei einer unvergesslichen Regenwaldtour unter Führung von Amanda, interessanten Marktbesuchen in Yanzatza unter Regie von Lida u.v.a. Die beiden Herren waren auch ausgesprochen gute Bäcker und bereicherten unsere Speisekarte. Auch die Zubereitung von "Ranas" (Fröschen) war ihnen nicht fremd. Ansonsten wurden wir von den Hermanas und speziell von Graciella kulinarisch umsorgt. Die Floskel "Alles Banana" traf voll und ganz zu - von frittiert (Bananafritten) bis eisig (die beliebte Schokoeisbanane). Es gibt kaum etwas, was man nicht aus Bananen machen kann.
Vielen Dank an Georg für die hilfreiche Organisation meiner Reise, die schöne Unterkunft und die guten Arbeitsbedingungen. Die wertvolle Arbeit, welche er für das Gelingen dieses Projektes leistet, verdient Achtung.
Ich möchte mich auch herzlich bei Familie Proano bedanken, die mich liebevoll in Quito mehrere Tage aufnahm und mir mit Hilfe ihres Sohnes und seiner Frau eine begeisternde Altstadtführung im Unesco-Kulturerbe Quito boten sowie den Besuch von " La Mitad del Mundo" vermittelten. Der Aufenthalt in Ecuador war nicht nur ein unwahrscheinlich schönes Erlebnis, sondern für mich auch eine wertvolle Erfahrung. Ich schließe mich allen meinen Kollegen an und empfehle die Arbeit in Guadalupe weiter.
Dr.med.dent. Simone Kock
Zahnärztin