2. NEWSLETTER 2009
4 Monate in Südamerika
09.11.2008-03.03.2009
So lange war ich noch nie von meiner Familie getrennt. Was einerseits schmerzlich war, hat mir andererseits neue Erfahrungen und Erlebnisse beschert, und davon möchte ich berichten:
Dass ich schon ab Anfang November in Guadalupe gebraucht wurde, lag daran, dass der dort eingeteilte Kollege vorzeitig abreisen musste. Ich füllte also eine Besetzungslücke, obwohl ich eigentlich erst Anfang Januar antreten sollte. Anfangs war ich alleine und hatte einiges an Behandlungsbedarf aufzuarbeiten, war also reichlich beschäftigt. Später hatte ich noch Elisabeth und danach Holger (beide Kollegen) zur Unterstützung, und das war auch gut so, denn in der Zeit vor Weihnachten gab es viel zu tun. Die außerberuflichen Aktivitäten unterschieden sich nicht wesentlich von denen ein Jahr zuvor, zumal ich zwei Mitbewohner unserer Residencia, Burger und Elisabeth, schon von damals kannte. Und auch Thomas aus Lindau, den ich als Anaesthesisten für Guadalupe anwerben konnte, sorgte für eine vertraute Atmosphäre.
Ein besonderes Ereignis verdient hier Erwähnung: Ich hatte etwas Käse aus Schoppernau mitgebracht, und Burger bot sich an, Käs-Spätzle zuzubereiten. Dazu holte er von den Hermanas Mehl, das Pepe am selben Tag aus Loja mitgebracht hatte, und setzte sofort den Teig an. Die gelbliche Farbe des Mehls irritierte ihn, und es schmeckte auch irgendwie sandig, aber als der Teig über den Spätzle-Hobel ins siedende Wasser tropfte, zeigte sich eine unübliche Reaktion: Die Spätzle schwammen nicht auf, sondern bildeten eine amorphe Masse am Topfboden. Wutschnaubend und das angeblich Melanin-verseuchte chinesische Mehl verfluchend verliess Burger die Küche, ohne die Teigspritzer im Gesicht und auf der Kleidung zu beachten, um im Dorf frisches Mehl zu besorgen. Wir anderen putzten in der Zwischenzeit wieder Küche und Gerätschaften, und konnten uns keinen Reim auf das Geschehene machen. Als Burger zurückkam, glänzte die Küche wieder und, noch immer fluchend, setzte er neuen Teig an. Die Spätzle gelangen und zusammen mit Georg haben wir eine köstliche Mahlzeit genossen. Am nächsten Tag klärte sich der Fall auf: Pepe hatte in Loja neben Mehl auch Gips gekauft, die Hermanas hatten die Säcke verwechselt und so kam der Gips in die Mehltonne. Und wir hatten versucht, Gips-Spätzle zu machen…
Über Weihnachten blieb die Clinica 14 Tage lang geschlossen, aber um nach Hause zu fliegen wäre es zu stressig geworden, also nutzte ich die Zeit, um mich in Südamerika weiter umzusehen, Peru und ein kleines bisschen Bolivien (davon in einem gesonderten Bericht).
Nach Weihnachten war das Arbeitsaufkommen deutlich schwächer, obwohl wir zeitweise in optimaler Besetzung arbeiten konnten: Mit mir als Senior-Zahnarzt, Lena aus Hamburg, einer frisch examinierten Zahnärztin, Marco, einem jungen Zahntechniker aus Bayreuth, und nacheinander Petra aus Frankfurt (ZMF) und Silvia aus Nörd-lingen (DH). Wichtig aber war, dass wir uns grossartig verstanden haben und prächtig zusammenarbeiten konnten. Am 13. Februar hatte ich meinen letzten Arbeitstag, und ich musste feststellen, dass ich wieder voll und ganz im Beruf stand. Viel dazu beigetragen hat Lena, die durch ihr Interesse an zahnheilkundlichen Themen in vielen Diskussionen mein Wissen und meine Erfahrungen auf die Probe stellte.
Wer glaubt, man könne nach 40 Jahren Berufserfahrung nichts Neues mehr erleben, irrt. So habe ich eine offenbar radikuläre Zyste im Oberkiefer vorgefunden, rund 30 ml Zystenflüssigkeit abgezogen und anschlies-send die erste Zystotomie meines Lebens durchgeführt. Und ein gut kirschgrosses Fibrom aus der Wange konnte ich auch entfernen. In dieser Grössenordnung hatte ich es in meiner Praxis nicht gesehen.
Und wieder eine schöne Geschichte: Lena und ich, unterstützt durch unsere Helferin Lila, besuchten Santa Clara in Zumbi, ein geschlossenes Franziskanerinnenkloster, das die Klosterfrauen nur bei medizinischen Indi-kationen verlassen dürfen, um dort mit unserer mobilen Zahnarzt-Einheit unsere Hilfe anzubieten. Wir arbei-teten in einem sonst als Krankenzimmer genutzten Raum. Dabei fiel uns eine Schachtel im Regal auf mit der englischen Aufschrift „Forget-me-not“. Bei näherem Hinschauen handelte es sich um eine Schachtel, in der einst Condome gelagert waren. Fragt sich nur, wie diese Schachtel ins Kloster gelangte…
Abseits der Zahnstation hat sich Guadalupe merklich verändert. Die wirtschaftliche Entwicklung kommt voran, erkenntlich an einer regen Bautätigkeit: Viele Häuser werden ausgebaut und verschönert, die Strassen im Ortsbereich sind inzwischen weitgehend gepflastert worden, für eine neue Brücke über den Rio Yacuambi waren die Fundamente bei meiner Abreise bereits betoniert und die Strasse nach La Saquea nimmt allmählich Formen an, bei meinem nächsten Besuch wird sie wohl asphaltiert sein, mit einer linea amarilla in der Mitte, wie Georg es sich gewünscht hat. Die Baustellen haben allerdings auch zu einer deutlichen Lärmentwicklung im Tal beige-tragen. Und durch sie bedingte Verkehrsbehinderungen haben auch viele Patienten am Kommen gehindert.
Ein anderes Thema hat die Talbewohner stärker bewegt, el conflicto. Gemeint ist die inzwischen handgreiflich gewordene Auseinandersetzung zwischen den indigenen Gruppierungen der Saraguros und Shuares. Letztere haben damit begonnen, die Saraguros von ihren seit Jahren und Jahrzehnten bewirtschafteten fincas zu ver-treiben, mit der Begründung, dass das Tal ihnen gehöre. Tatsächlich war das Tal zu Anfang des letzten Jahr-hunderts fast unbewohnt und die Shuares nutzen es als Jagdgebiet. Durch die allmähliche Besiedlung, nicht nur durch Saraguros, sondern auch anderen Ecuadorianern, hat sich das gründlich gewandelt, und zu jagen gibt es ohnehin nichts mehr.
Man muss dazu wissen, dass die Shuares als ein Volk aus dem Amazonas-Tiefland für uns völlig fremdartige, archaische Wertvorstellungen haben, während die Saraguros ein fleissiges und traditionell gutmütiges Völkchen darstellen.
Im Sommer letzen Jahres brannten also ein paar Hütten und Häuser ab, Saraguros wurden mit Waffengewalt von ihren fincas vertrieben, ihnen wurde Vieh gestohlen und mit Erschiessen gedroht, wenn sie weiterhin behaupten wollten, es sei ihres.
Hintergrund des conflicto ist erwarteter Reichtum durch eine internationale Minengesellschaft, die das Gelände durch die Shuares „bereinigt“ sehen möchte, weil im Tal Erze (Uran) und Öl vermutet wird. Nur eines ist sicher, wenn die Minengesellschaft erfolgreich sein wird, dürfte das Tal ökologisch verhunzt sein, wenn nicht gar unbe-wohnbar.
Der Staat gibt sich neutral, unterstützt aber im Hintergrund die Minengesellschaft, weil 60% des Gewinns an den Staat fliessen sollen. Und er tut nichts, um die Saraguros zu schützen, angeblich, weil es zu gefährlich sei, in Shuar-Gebiet einzudringen. Tatsächlich haben die Shuares einen Polizisten gekidnapt, ihn nackt an einen Baum gebunden, gefoltert und sich selber überlassen, bis er sich am folgenden Tag befreien konnte. Seitdem weigern sich Polizei und Militär, Shuar-Gebiet zu betreten.
Zu den Wertvorstellungen der Shuares ein paar Beispiele:
- Ein Radladerfahrer hat für eine Goldschürf-Firma Kies in den Trichter einer Separieranlage kippen müssen. Eines Morgens tat er das wieder, nicht ahnend, dass sich im Trichter ein offenbar betrunkener Shuar zum Schlafen niedergelassen hatte. So gab es einen unglücklichen Todesfall. Der Radladerfahrer, übrigens der Mann einer meiner Helferinnen, flüchtete danach in die USA, weil er von den Stammes-brüdern Todesdrohungen erhalten hatte. Und er traut sich nicht zurückzukehren. Für die Shuares ist es keine Frage der persönlichen Schuld, sondern eine Frage der Blutrache.
- Eine US-Amerikanerin, die in einem Shuar-Dorf lebte, sah einen Mann schwer erkrankt und bot sich an, diesen ins Krankenhaus zu bringen. Dort starb der Mann, worauf die Shuares sie für den Tod verant-wortlich machten, weil sie den Mann gefahren hatte. Auch diese Frau musste schnellstens unter Zurück-lassung ihrer Habe flüchten.
- Ein Shuar-Junge, 19 Jahre alt, kommt mit seinem Motorrad an eine Baustelle, passt nicht auf und fährt in einen frisch ausgehobenen Graben, kommt in die clinica, um sich seine Platzwunde am Kopf nähen zu lassen, und fährt nach Hause. Er erzählt seinem Bruder den Vorfall, der sofort zu der Baustelle fährt und den Baggerführer, der den Graben ausgehoben hatte, erschiesst. Dies war bereits sein dritter Mord, und er läuft nach wie vor frei herum, weil niemand sich traut, ihn festzunehmen. Amanda, unsere Ober-schwester der clinica, sollte vor Gericht aussagen und wurde von der Familie massiv unter Druck gesetzt, eine Falschaussage zu Protokoll zu geben. Jetzt hatte sie natürlich Angst um ihr Leben, wenn sie die Wahrheit sagen würde. Aber da der Täter nicht „auffindbar“ war, kam es nicht zur Verhandlung.
Dies sind wahrlich Geschichten aus dem Wilden Westen, und es wird Fortsetzungen geben. Die Shuares erheben auch Ansprüche auf das Klinik-Gelände, von echten Übergriffen sind wir aber verschont geblieben, wenn man davon absieht, dass Shuares Landvermesser mit Macheten bedroht und verdrängt haben.
Das Rechts-System Ecuadors ist undurchsichtig, ein Bürgerliches Gesetzbuch gibt es nicht, das Strafgesetz ist lückenhaft, die Richter entscheiden nach fragwürdigen (korrupten) Gesichtspunkten. Protestiert wird allemal, aber ändern will sich einfach nichts. Es herrscht Kolonial-Herrschaft.
Am 16. Februar, mit einem Tag Verspätung wegen eines Propellerschadens an der KLM-Maschine in Luxem-bourg, holte ich Friederike, Nico und Francis in Guayaquil am Flughafen ab. Friederike hat mich sogleich wieder erkannt, stellte aber sofort fest, ich habe abgenommen und sei merklich grauer geworden, was ja auch zutraf. Wegen der Verspätung mussten wir unsere ursprünglichen Pläne umstellen, aber 2 Tage Cuenca, die schönste Stadt des Landes mit einer historischen, spanisch-geprägten Altstadt, waren zur Akklimatisierung gerade recht. Danach ging es 1 Woche aufs Schiff im Galapagos-Archipel, um anschliessend noch 2 Tage Quito, gewisser-massen als Kontrastprogramm zu erleben. Darüber, besonders über Galapagos, berichte ich gesondert.
Nach unserer Rückkehr erwartete uns eine Überraschung besonderer Art: Die Nachricht, dass Nina uns im August das sechste Enkelkind bescheren wird !
Dr. Ekkehard Schlichtenhorst